Chronologie zur Liebenthaler Pferdeherde

Einleitung
Die Stadt Liebenwalde ist heute Eigentümer einer Pferdeherde, welche ca. 100 Tiere umfasst. Die „Liebenthaler Pferde“ stellen eine Rückzüchtung dar, welche sich dem einst in Europa beheimateten Wildpferd annähern sollte. Sie sind aber eine völlig eigene Pferderasse und darüber hinaus die einzige Pferdeherde Deutschlands, in welcher derartige Tiere in ihrer natürlichen Sozialstruktur leben können. Für die Versorgung und Betreuung der Herde zeichnet aktuell der im Jahr 2000 gegründete „Liebenthaler Pferdeherde e. V.“ verantwortlich.

 

Warum Liebenthal?
In der am Rande der Schorfheide befindlichen und bis zum Jahr 2003 selbstständigen Gemeinde Liebenthal im Landkreis Oberhavel (Bundesland Brandenburg) begannen im Herbst 1991 die Planung und Anpachtung von Flächen für eine Anlage des Europäischen Erhaltungsprojektes für bedrohte Tierarten. Gegenstand des Forschungsprojektes des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) war und ist die wissenschaftliche Untersuchung zur Erhaltung der Przewalskipferde, der letzten lebenden Urwildpferdrasse. Bereits im März 1992 konnten Forschungsstation und Umzäunung fertiggestellt werden. Ziel der Forschung sollte es letztlich sein, einen Bestand zu reproduzieren, welcher in seiner Heimat (der Mongolei) ausgewildert werden sollte, da die Rasse vom Aussterben bedroht war. Zur Forschungsstation kam im Jahr 1995 ein Haustierpark, der als Archehof für vom Aussterben bedrohte Haustierrassen Heimstatt ist. Die Przewalskipferde und der Haustierpark werden seit 1996 durch die Familie Broja aus Liebenthal betreut.

 

Chronologie
1960  

Der Verhaltensforscher Jürgen Zutz beginnt im Bayerischen Wald mit der Rückzüchtung des Fjordpferdes zum Waldtarpan. Es entwickelt sich durch die harte natürliche Selektion eine stattliche Pferdeherde.

 

1990  

Der Forscher siedelt mit seiner Familie nach Friesack im heutigen Landkreis Havelland, Bundesland Brandenburg, um. Sein Traum: seine Wildpferde sollen wie vor Jahrhunderten wieder in der Schorfheide unter natürlichen Voraussetzungen leben. Dafür investiert er seit Jahrzehnten sein Vermögen in die Herde.

 

1996  

Jürgen Zutz stirbt unerwartet. Seine Frau und die drei Kinder sind aufgrund der finanziellen Belastung mit der Situation überfordert. Die Pferde sollen zur Schlachtbank geführt werden, 500 DM pro Stück. Ein Hilferuf erreicht auch das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Landes Brandenburg.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, die Ereignisse überschlagen sich. Schnell sind sich die Verantwortlichen der Gemeinde Liebenthal und im Amt Liebenwalde einig, dass die Pferde in den Landkreis Oberhavel sollen, dies wird seitens der Verwaltung des Landkreises vehement unterstützt, da hier die erforderlichen zusammenhängenden Flächen zur Verfügung stehen.

Der Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Landes Brandenburg, Edwin Zimmermann, erklärt am 09.12., dass die Herde gerettet und an eine Gemeinde oder einen Verein übergeben werden soll. Zu diesem Zeitpunkt ist Familie Broja als Betreiber des Wildpferdgeheges und des Archehofes bereits aktiv: am 06.12. hatte Arne Broja die Herde bereits besichtigt. Am 10.12. erklärt der Hauptausschuss der Gemeinde Liebenthal die Übernahme der Herde unter bestimmten Voraussetzungen, welche erfüllt werden können. Das zuständige Ministerium fragt offiziell am 12.12. bei der Gemeinde Liebenthal an, ob die Herde übernommen werden kann, was aufgrund der Beschlusslage zugesagt wird.

Am 16.12. wird der Kaufvertrag unterzeichnet. Die Gemeinde erhält am 17.12. den Zuwendungsbescheid des Ministeriums, womit der Ankauf der Tiere und der Transport nach Liebenthal zu 100% gefördert wird. Die Organisation des Transports und der medizinischen Betreuung realisiert das Brandenburgische Haupt- und Landgestüt in Neustadt/Dosse. Die Betreuung, Pflege und Bewirtschaftung der Herde übernimmt Familie Broja. Familie Zutz erhält für den Verkauf 50.000 DM bei einer angenommenen Stückzahl von 90 Tieren (tatsächlich 87 Pferde, drei Tiere müssen getötet werden).

Am 20.12. ist es soweit: bei Temperaturen von ca. –20 Grad Celsius werden die Pferde nach Liebenthal gebracht, sie sind gerettet. Was nun beginnt ist Arbeit, Arbeit, Arbeit.

 

2000       

Zur Erhaltung, Entwicklung und Nutzung der Liebenthaler Pferdeherde sowie zur Unterstützung und Fortführung der Arbeit der Familie Broja gründete sich am 03.02. der Verein „Liebenthaler Pferdeherde e. V.“, Gründungsmitglieder sind u. a. die Gemeinde Liebenthal, das Ehepaar Broja und die PRENZL KOMM gGmbH.

 

2001  

Die Gemeinde Liebenthal übergibt die Herde an den Verein, welcher zur Bewirtschaftung 2003 einen landwirtschaftlichen Zweckbetrieb einrichtet.

Ein Glücksfall für beide Seiten stellt die intensive Mitarbeit der PRENZL KOMM gGmbH aus Berlin dar. PRENZL KOMM gGmbH ist ein psychiatrischer Verbund mit ca. 70 Mitarbeitern, der im Rahmen eines vielseitigen Netzwerkes soziale Dienstleistungen anbietet. Ziel der Arbeit ist es, im psychiatrischen Rahmen psychische Erkrankungen zu heilen. Dazu werden funktionierende Behandlungs- und Entwicklungsmodelle für psychisch kranke Menschen erarbeitet. Ein fester Bestandteil ist die Arbeit mit der Liebenthaler Pferdeherde, welche mit ihrer Lebensweise, ihrer intakten Sozialstruktur und den individuellen Rassemerkmalen der Pferde in Deutschland einzigartig ist. Das Team von PRENZL KOMM gGmbH nutzt den Aufenthalt mit Klienten in der Pferdeherde für therapeutische Zwecke. Es hat sich gezeigt, dass der Körperkontakt mit den Pferden und deren Körpersprache zu intensiverer Kommunikation führen, als Worte es vermögen. Es konnte und kann die Heilungswirkung der Pferdeherde auf die Patienten beobachtet und dokumentiert werden. Das langfristige Ziel ist das Erkennen von Strukturen, Mustern und den Systemen, die eine nachhaltige Wirkung auf die Patienten ausüben, um diese bewusst einzusetzen. Dieses Projekt ist in Deutschland einzigartig und von grundlegender Bedeutung für die zukünftige therapeutische Arbeit.

 

2002  

Am 21.01. kann das Projekthaus „Haus der Hundert Pferde“ eingeweiht werden. Die Idee hierzu stammte aus dem Jahr 1999, als sich die Gemeinde Liebenthal am Wettbewerb „Schönstes Dorf“ im Landkreis Oberhavel beteiligte (und den 1. Platz belegte) und die Verantwortlichen dabei zur Erkenntnis kamen, dass es weder einen Informationspunkt, noch sanitäre Einrichtungen oder die Möglichkeit zur Versorgung der Gäste gibt. Aus diesem Grund stellte die Gemeinde beim Amt für Flurneuordnung und ländliche Entwicklung Neuruppin am 22.09.1999 den Antrag auf Errichtung eines Projekthauses. Der Antrag wurde in seiner geänderten Fassung vom 16.05.2001 am 12.06.2001 bewilligt. Die Investitionssumme für die Errichtung des Hauses mit Außenanlagen belief sich auf 362.554,91 €, davon wurde 90% durch das benannte Amt gefördert (das entspricht 325.124,45 €, davon 75% EU-Mittel und 25% nach dem Investitionsförderungsgesetz).

 

2003  

Am 26.10. wird die Gemeinde Liebenthal im Zuge der Gemeindegebietsreform im Land Brandenburg Ortsteil der neu entstehenden Stadt Liebenwalde, welche nunmehr Eigentümer der Herde ist.

 

2005  

Ein Flächeneigentümer, die BVVG, beabsichtigt ca. 15 Hektar des für die Haltung der Pferde benötigten Landes zu veräußern, Kaufpreis 42.000 €. Ohne dieses Land kann die Herde in dem bisherigen Umfang nicht erhalten werden, sie steht vor dem Aus. Dem Verein fehlen die notwendigen Mittel für den Flächenerwerb. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung geht es auf Sponsorensuche. Schließlich unterstützen das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg und die Mittelbranden-burgische Sparkasse in Potsdam den Ankauf mit erheblichen Summen. Das Projekt ist gerettet.

 

2006  

Zur Unterstützung der Arbeit des Vereins organisiert die Stadt Liebenwalde im Rahmen der Arbeitsmarktinitiative Süd (eine Initiative zur Organisation des zweiten Arbeitsmarktes einiger Kommunen im Landkreis Oberhavel) die Einrichtung einer Arbeitsbeschaffungs-maßnahme (ABM) „Pferdeherdekoordinator“, ihm zur Seite stehen sechs Einwohner der Stadt im Zuge einer Tätigkeit mit Mehraufwandsentschädigung (MAE).

 

2007   Mit der Veröffentlichung in „Tipps für Trips durch Oberhavel“ ist ein weiterer Schritt zur touristischen Erschließung erreicht.